Meine Freiheit hat vier Ecken

Es waren einmal drei Maler. Die lebten in einer schönen und reichen Stadt. Also nicht direkt alle drei sondern eigentlich nur einer. Egal - man könnte aber mindestens sagen, die anderen zwei hatten eine Bleibe im Speckgürtel rund um die schöne und reiche Stadt. Oder waren zumindest dort geboren und dann irgendwann Opfer der rasant voranschreitenden Gentrifizierung geworden.

Oh ja, die Mietpreise waren echt nicht mehr von Pappe und die Dinge des täglichen Bedarfs wurden ständig teurer.

Durch eben jene Stadt floß ein prächtiger Fluss, den querten drei Brücken. Und wie das Wasser im prächtigen Fluss, floss auch die Zeit dahin. Die Stadt wuchs und wuchs und die vielen neuen Bürger arbeiteten und erwirtschafteten immer mehr Geld und Reichtum. 

An den Abenden tanzten sie um silberne Sektkübel und teueren Wein und die Wirte und die Händler schafften immer mehr Güter und Glamour heran. Die vollen Taschen gierten danach geleert zu werden. Immer mehr junge Männer trugen buschige Bärte, ihren wadenlosen Frauen wuchsen dafür die Haare auf den Zähnen.


Ja, ja, alles in allem lief es wohl ganz o.k. für die Stadt. Ein Eldorado für alternative Subkulturen sieht zwar anders aus, aber dafür spülte der Mainstream auch noch die letzte Nische aus, bis es propperer nicht ging.

Vertrautes verschwand, denn es war oll und renditeschwach. Die drei Maler sahen, wie die Stadt immer jünger wurde, sie aber mit jedem Selbstportrait immer älter.


Und während der Erfolg jungen Aufschneidern die Ateliertüren einrannte, dämmerten sie ihrem Lebensabend entgegen. Unbekannt, nicht gesehen, ohne Namen, ohne Erfolg. Kein Silberstreif am Horizont. Nimmer mehr.


„Ach, vielleicht täte mir ein wenig Bewegung gut“ dachte einer der Maler eines Abends. Vom positiven Einfluss, den Bewegung auf die Psyche nehmen konnte, hatte er noch kürzlich in der Apotheken Rundschau gelesen. Warum nicht mal auf einen Experten hören? Den ganzen Tag hatte er sich an einem kleinen Bild abgemüht, ohne Erfolg. 

Und weil sein nach innen gerichteter Blick seit Tagen nichts schönes schauen konnte, hoffte er nun auf das Draußen. Gleich zur ersten Brücke stromaufwärts führte ihn sein Weg. Da, genau über der Mitte des Stroms gab es eine schöne Sicht auf die Stadt, die wollte er nutzen. Ein wenig aus der Puste, lehne er sich dort angekommen übers Geländer.

Aber weil sein Gemüt schwer war und der Blick gesenkt, starrte er in den dunklen Strom unter sich, und das fließenden Wasser erinnerte ihn an die vielen erfolglosen Jahre, die nun an seinem Inneren vorbeizogen. 

Darüber vergoß er eine kleine, blaue Träne und er stellte sich vor, wie sie nun immer weiter trieb. Vorbei an der Stadt und dem Land dahinter, um dann irgendwann, in einem grenzenlosen Wasser für immer zu verblassen.

„Alles treibt, gar nix bleibt, vorbei der Schmerz, das Sein ein Scherz!“


Die Träne hatte sich schon aufgelöst, nur noch zu erahnen die Stelle, an der sie in den Fluss getropft war. Doch genau dort erschien ein kleines, rotes Gesicht in den Wellen. Es sprach. Undeutlich hörte der Maler Worte plätschern, “Folge dem Fluss bis zur nächsten Brücke, dort halte Ausschau nach mir. Ich möchte mit Dir Lachen bis es schmerzt. Denn ich teile Deine Not, Du erkennst mich an der Farbe Rot!“

Trotz der betrüblichen Aussicht nur einen weiteren Looser zu treffen, setzte sich der Maler in Bewegung, denn er war nun neugierig.” Na, darauf vermag ich mir überhaupt keinen Reim machen”! kalauerte er in sich hinein, als er die zweite Brücke betrat.

Außer einem kleinen bärtigen Mann war dort niemand. Nicht weit und nicht breit. Zugegeben, er hatte einen kurzen Moment gehofft, wenn auch auf unerklärliche Weise, paranormal vermittelt, eine attraktivere Person zu treffen, weiblich, 90-60-80 oder so in der Preislage.


Der  Standort des Bärtigen war dem seinen auf der ersten Brücke nicht unähnlich. Mittig, zwischen den Ufern, am höchsten Punkt des Bauwerks, übers Geländer gebeugt. Den Anflug eines kurzen Wahns nicht ausschließend, mißtraute der Maler dem eben Erlebten. Seine Angst, mit einem lächerlichen Ansinnen einen Fremden anzugehen, scheute ihn. Er lenkte seinen Schritt schon wieder von der Brücke fort, da erklang die Stimme erneut! “ Bleib! Das Ziel ist nah - der Bärtige und Du, es fehlt nur einer noch dazu.

Die rote Mütze des Bärtigen fiel dem Maler nun erst auf. So viel Zufall? Nein - hier war Höheres wirksam. Wer auch immer am Rad des Schicksals drehte, jetzt musste der Versuch das Maß aller Dinge sein und der Maler sprach den Bärtigen an. Erwartung lag in dessen Blick und als er den Maler betrachtete, verzog sich sein Gesicht ungläubig.


„Ja, was passiert mit mir!?“ rief er aus. Dieses kahle Köpfchen habe ich da unten im Wasser gesehen, dort wo ich mein eigenes Gesicht als Spiegelbild erwartete. Sieh mich an, ich strotze vor Haaren, wie von einem Fell eingerahmt ist mein Gesicht. Doch ich sah Dich, dann floß eine Blaue Träne vorbei und eine Stimme erhob sich in meinen Kopf. Sie sang ein trauriges Lied. Der Text ging ungefähr so.... Live is live, nananannnaaaaa....!“ Da musste ich weinen und vergoss eine rote Träne. Oh jeh - was stimmt mit meinen Augen nicht.....! Ich bin Maler und wenn ich mein Augenlicht verliere bin ich ohne Sinn.


„Wirklich, hier gehen Dinge vor, das erlebt man nicht alle Tage. Die blaue Träne habe ich verloren, und an Stelle meines Spiegelbildes erblickte ich Dein Anglitz im Wasser, Bärtiger! Damit nicht genug, auch in bin ein Maler! sagte der Hinzugekommene. „Was geht da vor im Fluss? Was ist da los - was machen wir jetzt bloß?“ Eine Antwort erhoffend, blickten nun beide über das Geländer hinunter in den Strom. Doch dort trieb nur eine weitere Unerklärlichkeit an ihnen vorbei. Diesmal lächelte ein kleines, gelbes Gesicht umrahmt von grauen Strähnen zurück und es schien zu singen. „Dies ist der Rhein und nicht die Elbe, ich gehör zu Euch, ich bin der Gelbe!“ Folgt dem Fluss nur noch ein Stück, wir treffen uns - das nenn ich Glück!“


„Hast Du das auch gehört?“ fragte der Bärtige. „Rote Tränen und mit meinen Ohren stimmt auch was nicht!“ Erfolglos bin ich schon, nun werde ich auch noch krank!“  „Nein, nein, mir sind Stimme und Gesicht auch erschienen. Wir sollten gehen, wie uns gesagt und vielleicht wartet stromabwärts eine Erklärung auf uns!“ beschwichtigte der Kahlkopf den Behaarten.


Zur nächsten Brücke war der Weg nicht weit, und weil sie ahnten wohin sie ihren Blick richten sollten, erblickten der Bärtige und der Kahle am Scheitelpunkt des Bauwerks eine Gestalt mit wehenden Haaren. Die Gestalt hielt Ausschau und als sich die noch fernen Blicke trafen, warf sie die Hände hoch und fuchtelte, in die eigene Richtung deutend, Zeichen in die Luft. 

Schweinsgaloppig beschleunigten die beiden Maler ihren Schritt und die Gestalt auf der Brücke setzte sich ebenfalls in Bewegung. Sie trafen sich am Anfang der Rampe.


„Euch habe ich gesehen! Von der Brücke habe ich geschaut und da waren 2 Gesichter im Wasser und eine Stimme hat gesprochen....warte nur noch fünf Minuten, dann triffst du welche von den Guten, einen mit Bart, dazu ein Kahler, obendrein sind beide Maler. Ebenso wie Du - na, wie wird daraus ein Schuh?“


Dann flossen zwei Tränen vorbei, eine blau, die andere rot. Ich wurde traurig und dachte an das Ende und so, und das ich als Künstler verkannt, als Maler vergessen und als Mensch sowieso schon so gut wie begraben bin. Denn ich habe einen Leberschaden - meine Haut ist gelb und meine Tränen sind es auch.

Davon weinte ich den beiden anderen eine hinterher, jetzt sind’s drei Farben, was braucht man mehr?


„Ich weiß, was das bedeutet!“ ahnte der Kahle. „Die Stimme hats doch gesagt. Wir müssen nun gemeinsam unseren Weg gehen. Superklar! Jeder von uns steht für eine Grundfarbe. Wir müssen zusammenarbeiten!!! 

Na, und erst das Brückengleichnis. Also symbolischer gehts ja wohl nicht. Und der Fluss - also wenn der nicht auch was zu bedeuten hat. Weiß jetzt aber auch nicht was. Egal. Die Beweislast ist erdrückend. Dazu eine kollektive, übersinnliche Erfahrung. Alle ungefähr im gleichen Alter, total am herrschenden Kunstmarkt gescheitert.  Wenn das nicht komisch ist!


„Also, ich finde es auch komisch was uns gerade widerfährt“, ergänzte der Bärtige. „Mit kommt es eher merkwürdig vor“ korrigierte der Gelbe. „Ach, was - komisch oder merkwürdig - wir mussten uns wohl begegnen und nun herausfinden wozu das gut sein soll. Ich schlage vor wir gehen was trinken und lernen uns besser kennen. 

Ganz nah bei der Brücke gab es ein kleines Bistro. „Chez Maya“ netter kleiner Laden mit einem guten Preis- Leistungsverhältnis. War aber an dem Abend geschlossen. 


„ Na was, dann eben zum Spanier! Ein kleine Tapas-Bar wäre nicht weit“, wusste der Bärtige. Dem Kahlen war‘s unrecht, dem Gelben egal. Uneins, aber gemeinsam machten sie sich auf den Weg ins El Pocassi. Eine kleine, krummgebogene Senorita

begrüßte die drei, und weil es ein stinknormaler Mittwoch war, konnten sie auch ohne Reservierung einen passablen, kleinen, weiß eingedeckten Tisch in Beschlag nehmen.  So saßen sie da - umgeben von spanischem Klimbim der von den Wänden hing und von den Decken baumelte. 

Nun, da sie sich nicht als verwaschene Fata Morgana in den Wellen sahen, sondern von Angesicht zu Angesicht, fiel ihnen das Reden schwer. Der Gelbe ergriff zögerlich das Wort. 

„Ich kenne einen Künstlerwitz, wollt Ihr ihn hören?“ „Ok!“ sagte der Kahle, denn ihm war es nur recht, wenn das Schweigen allmählich eine Ende hätte.

„Raus damit!“

„Aaaaalsooo - welches Bild war das erste von Jackson Pollock?“ Die Antwort darauf war den beiden anderen zwar ziemlich egal, aber um das Elend zu verkürzen foppte der Kahle den Frager, nun endlich mit der Antwort um die Ecke zu kommen. „Sein Schlabberlätzchen!!!!“ lautete die Erlösung. Haha, ganz nett, immerhin. Die beiden Zuhörer verzogen mühsam die Gesichter und schauspielerten Erheiterung. Sogleich legte der Bärtige nach, denn er wollte das zarte Pflänzchen des gemeinsamen Gesprächs nicht gleich wieder zu Tode schweigen.

„Fraaaageee! Warum hat sich Van Gogh ein Ohr abgeschnitten?“ „Na, das weiß doch jeder, strahlte der Kahle“ Er konnte nicht mehr hören, wie Kacke seine Bilder sind!“ „Jaaaaa - genau“ amüsierte sich der Bärtige. Das war zwar nicht die Antwort, die zum Witz gehörte, doch ehe er zur Berichtigung seine Stimme erheben konnte, fiel ihm der Kahle mit dem nächsten Kracher ins Wort.

„Stehen zwei Künstler in einer Bar. Fragt der eine den anderen, was macht der Schaffensdrang?“ Kann nicht klagen, sagt der andere, ich komme gerade vom Klo!

„Und warum hängen die Bilder von Baselitz immer falsch rum? Und was haben eine Banane, eine Rolle Klebeband und ein Picasso gemeinsam? Und was macht Uecker, wenn es im Baumarkt nur noch Schrauben gibt? Er geht nach Hause und nagelt seine Frau - hahahahahaaaahhaaaaaaahhhaaa. 


Die Tränen liefen den dreien übers Gesicht und sie hielten sich die schmerzenden Bäuche. 

Jetzt hagelte es Künstlerwitze und die kleine, krumme Senorita trug eine Flasche nach der nächsten heran. 

Die Stunden flogen dahin, schließlich erschien die krumme Frau wieder am Tisch, diesmal mit einem langen Papierstreifen in der Hand. 17 Flaschen Rotwein! Und! Eine Tischdecke war dazu akribisch notiert. 

„Sie müssen jetzt gehen, denn wir schließen! Die Decke müssen Sie mitnehmen, die kann man auch nicht mehr reinigen. So eine Sauerei!“


„Also - das waren jetzt ganz neue Sitten!“ dachte der Kahle. Doch der Klimbim an den Wänden hatte sich scheinbar verdoppelt und der Kram an der Decke schwankte als segelten sie gerade mit dem „El Pocassi“ durch einen Orkan. 

„Stimmt‘s so?“ lallte er und drückte der Senorita ein Bündel Papier in die kleine, geifernde Hand. Die machte ein erfreutes Gesicht. Schien zu passen. „Danke die Herrn, jetzt aber raus mit Euch, hopp, hopp Los! Colourados.


So standen Sie auf, wickelten die Decke ein und bevor sie das Lokal verließen, blickte der Kahle zurück.

Sein Blick fiel auf das Etikett der leer gebecherten Flaschen. „ lágrimas de alegría” “Was das jetzt wohl wieder zu bedeuten hat”, meinte er wissen zu wollen.


Dann standen Sie draußen und schnupperten Morgenluft.